Auf den Spuren der Maya in Ostdeutschland

Umso näher das Jahr 2012 rückt, desto wilder werden die Spekulationen über ein nahendes Ende der Welt. Alle paar Monate gibt es neue Veröffentlichungen zum Thema - ob es nun Kinofilme, Bücher oder "Experteninterviews" sind: Die Thematik ist überall präsent. Am 21. Juni 2011 machten wir uns selbst auf, herauszufinden, ob sich die Mühen des Abiturs im Jahr 2012 überhaupt noch lohnen. Schließlich wäre es ja vergebene Liebesmüh, sich einige Monate vor dem Weltuntergang mit Ovids Metamorphosen oder dem Citratzyklus abzuquälenů


Wir, das sind sechs 11.-Klässlerinnen des Spanisch eA-Kurses mit unserer Lehrerin Frau Merkel. Nach der Möglichkeit des langen Ausschlafens trafen wir uns um 9.40 Uhr voller Motivation im strömenden Regen am Geraer Hauptbahnhof. Die Zugfahrt versüßte uns Frau Merkel mit einer Verkostung von Schokoladenspezialitäten der Maya (welche sehr zu empfehlen sind). Gegen Mittag erreichten wir schließlich die Staats-, Landes- und Universitätsbibliothek in Dresden (SLUB), wo wir eine Führung durch die Räumlichkeiten bekamen - natürlich in spanischer Sprache. Im Anschluss stellten wir uns der Herausforderung unseren Orientierungssinn inmitten von meterlangen Bücherregalen bei einer Bibliotheksrallye zu erproben. So zogen wir einige verwirrte Studentenblicke auf uns, als wir in kleinen Gruppen auf der Jagd nach Wörterbüchern (Maya - Español/Español - Maya) und ähnlichem gingen. Nachdem wir diese erfolgreich absolviert hatten, wurden wir endlich in die Schatzkammer der Bibliothek geführt. Das heißt fast - direkt vor der mit goldenen Schriftzeichen verzierten Eingangstür mussten wir wieder Halt machen. Hier hielt man uns einen Vortrag über die Entstehung der Sammlung. Nach minutenlanger, angespannter Erwartung wurden wir endlich eingelassen. Wir traten ein in fast völlige Dunkelheit und angenehme Kühle. In den erleuchteten Glasvitrinen um uns herum lagen jahrhunderte alte Handschriften - unter anderem der Codex Dresdensis. Die einzige ständig für die Öffentlichkeit zugängliche Mayahandschrift der Welt. Unser Guide lotste uns zuerst zu einigen 400 Jahre alten Büchern, die wir im wortwörtlichen Sinne aufschlagen durften. Nach einer Ausführung über Schinken, Schwarten und die Schreibkunst des Mittelalters (die vor uns schon Napoleon besichtigt hat), kamen wir endlich zu unserer Maya-Handschrift. Mehrere Meter Feigenbaumpapyrus waren vorn und hinten eng mit Symbolen und Bildchen vollgeschrieben. Darauf sind mythologische Gestalten und die Geschichte der Hochkultur verzeichnet. Der Codex diente den Maya aber auch zur Weissagung des Wetters, der Sternenbewegung und der Zukunft. Da wir uns schon im Unterricht mit verschiedenen Teilen der Schrift, wie den Almanachen der Mondgöttin, der großen Flut und den Neujahrszeremonien, beschäftigten, erkannten wir einiges sofort wieder. Die Details der Darstellung beeindruckten uns in der Realität besonders. Die abschließende Stunde zur freien Gestaltung nutzten wir zum Kaffeetrinken und Erkunden der Stadt. Während der Zugfahrt bekamen wir bei einem Zwischenstopp in Zwickau die Ergebnisse unserer Rallye mitgeteilt. Insgesamt haben wir alle sehr gut abgeschnitten und bekamen als Preis muñecas quitapenas überreicht - Sorgenpüppchen, die heute von den vor allem in Guatemala lebenden Maya hergestellt werden. Und das führte uns zum Ausgangspunkt der Exkursion zurück: Die Sorge darum, ob sich das Lernen für das Abitur im angeblichen Weltuntergangsjahr 2012 rentiert. Die Antwort der Maya darauf ist optimistischer als in den Medien proklamiert: La vida no tiene un fin. Después de cada fin sigue un principio nuevo. Das Leben hat kein Ende. Nach jedem Ende folgt ein neuer Anfang.

(Kathrin Holterdorf, Sophie-Theres Habel)