Schülerprojekt erforscht Geras Barrieren

Für Soziales und für ihre Stadt interessieren sich drei Schüler des Goethegymnasiums in Gera. Deshalb beschäftigten sich die Elftklässler in ihrer Seminarfacharbeit mit dem Thema Barrierefreiheit.


Gera. Theresa Eibert, Eva Köhnlein und Philip Szelag wählten das Thema "Wie barrierefrei ist Gera - Integration von körperlich behinderten Menschen in der Geraer Innenstadt". Die drei Elfklässler untersuchen für ihre Seminarfacharbeit, wie barrierefrei Gera ist. Dazu gehen sie nicht nur mit offenen Augen durch die Stadt, um mögliche Stolperfallen, Stufen, zu enge Durchgänge, nicht markierte Poller und anderes zu sehen, sondern sie sprechen auch mit denen, für die ein barrierefreies Umfeld besonders wichtig ist.
Eine der Expertinnen auf diesem Gebiet ist Elli Barth, die sich seit vielen Jahren für die Belange Behinderter in Gera einsetzt und selbst auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Bartherklärte den Schülern, dass Barrieren nicht unbedingt immer baulicher Natur sein müssten. "Barrierefreiheit beginnt im Kopf", sagt sie. "Viele Menschen behindern uns, obwohl wir eigentlich viel mehr leisten könnten, als sie uns zutrauen." Sie schilderte, was bereits in Gera passiert, und was noch zu tun ist. So seien an vielen Stellen Stufen und Poller gut markiert, damit sie auch von Blinden und Sehbehinderten wahrgenommen werden können. Auch der Bahnhof, die Gera Arkaden und der Hofwiesenpark seien gut nutzbar. Lusan, wo sie wohnt, sei im allgemeinen auch gut auf Rollstuhlfahrer eingestellt. Genauso wie Zwötzen.

Post nur auf den ersten Blick barrierefrei.

Sie ärgert sich aber mächtig über die neue Tourist-Info im Burgkeller und über die Post. Die sei nur auf den ersten Blick barrierefrei. Zwar führt in der Post in der Schloßstraße seit kurzem ein Aufzug nach oben über die Stufen hinweg. Um ihn zu nutzen, müsste sie aber aus ihrem Rollstuhl aussteigen. "Und was mache ich dann oben?", fragt sie. "Muss mir jemand den Rollstuhl hinterher tragen?"
Die Schüler gingen bei ihren Fragen auch ins Detail. Sie wollten wissen, ob jeder Arbeitsplatz barrierefrei sein sollte. Da gebe es noch jede Menge zu verändern - vor allem in den Köpfen, sagt Barth. "Viele Firmen zahlen lieber eine Strafe, als Behinderte einzustellen." Bis auch Körperbehinderte die gleichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten, bräuchte es noch viel Zeit.
Auf die nächste Frage fällt Barths Antwort noch eindeutiger aus. Ob alle öffentlichen Plätze, Gebäude und der Nahverkehr barrierefrei sein sollten? "Natürlich", findet die Geraerin. Viele Busse und Straßenbahnen sind es bereits, einige öffentliche Gebäude noch nicht. "Ich kann beispielsweise nicht an allen Veranstaltungen der Stadt teilnehmen." .

Keine Privilegien für Behinderte gefordert.

Elli Barth ist wichtig, dass die Jugendlichen sie nicht falsch verstehen. Sie fordert keine Privilegien für Behinderte. Sie will nur so behandelt werden, wie andere auch. Aufmerksam hören die Schüler ihr zu, wie sie von ihrer Kindheit und Jugend erzählt. Schulen, an denen Behinderte und Nichtbehinderte gemeinsam unterrichtet wurden, gab es in der DDR nicht. Sie durfte damals nicht in eine "normale" Schule, sondern lebte in einem Internat. Sogar im Ferienlager war sie nur mit anderen Behinderten zusammen.
Die Ergebnisse aus dem Interview mit Elli Barth fließen wie die weiteren Infos, die die Jugendlichen noch sammeln werden, in ihre Seminarfacharbeit ein. Seit Anfang des Schuljahres arbeiten die drei daran und haben noch bis Anfang des nächsten Schuljahres Zeit, sie zu beenden. Ihre Mitschüler beschäftigen sich im selben Zeitraum ebenfalls in Kleingruppen mit anderen Themen. "Eine solch umfangreiche wissenschaftliche Arbeit haben wir alle noch nicht geschrieben", erzählt Theresa. "Das ist aber sicher eine gute Vorbereitung auf das Studium."
Julia Schäfer / 02.12.15 / OTZ
Bildunterschrift
Eva Köhnlein (von links), Philip Szelag, Theresa Eibert und Elli Barth beim Interview. Foto: Julia Schäfer