Kolumbianerin Sofia in Gera: In Ostthüringen "von Anfang an ein sehr gutes Gefühl"

Sofia Medina Castro ist seit Ende Januar als Gastschülerin in Ostthüringen. Sie stammt aus Bogotá, hat in Berga/Elster mit ihrer Familie auf Zeit eine Menge erlebt und sagt: "Gera ist wirklich schön".


Berga/Gera. Noch zwei Wochen, dann wird es in einem Haus in Berga (Landkreis Greiz) lange Gesichter geben. Ein Familienmitglied auf Zeit, die fröhliche Sofia aus Kolumbien, nimmt Abschied. In knapp sechs Monaten ist die 15-jährige Südamerikanerin ihren Gasteltern Maik und Claudia sowie den drei Kindern Kimi (9), Enie (5) und Jori (fast 2) ans Herz gewachsen. Gemeinsam haben sie viel erlebt und oft gelacht.

Was sie über die Deutschen gelernt hat? Die hübsche Sofia grinst, dann sagt sie es frei heraus: "Sie sind so förmlich, sie essen viel Brot, und sie tanzen nicht." Gastvater Maik geht gleich in Verteidigungshaltung. Früher, sagt er, da habe man durchaus viel getanzt. Aber Sofia lässt sich nicht beirren. Ihre Erfahrung: Familienfeiern in Deutschland sind meist ziemlich öde. "Alle sitzen nur herum und reden. Und essen. Hauptsache essen!" Bei ihr zu Hause, da gehören Tänze wie Salsa, Merengue oder Rumba zum Standard-Programm. Dafür, räumt die 15-Jährige ein, braucht man natürlich auch die richtige Musik.

"Ich finde, es ist eine schöne Stadt." Sofia über Gera Für ihre Gasteltern war das freundliche und aufgeschlossene Mädchen eine enorme Bereicherung. Sie sei so anders, sagt Claudia bewundernd - viel offener und herzlicher, nicht so reserviert, wie man seine eigenen Landsleute kennt. Claudia wollte die Zeit nutzen, um ganz viel Spanisch zu lernen. In der Küche hängt ein großer, abwischbarer Zettel, auf dem deutsche Wörter und die dazugehörigen spanischen Vokabeln stehen. Regelmäßig schrieb man dort neue Begriffe drauf, was beiden Seiten helfen sollte. Aber die Zeit, sinniert Claudia, die Zeit war so schnell vorbei.

"Das Experiment probieren wir", erinnert sich Maik noch daran, wie er vom Hamburger Verein "aubiko" auf die Betreuung einer kolumbianischen Gastschülerin angesprochen wurde. Das war Mitte 2014. Die Familie hat nicht lange überlegt, ließ sich Vorschläge schicken und wählte Sofia aus. Ihre Liebe zur Musik gab den Ausschlag, sagt Maik. Denn seine Frau und die Kinder spielen ebenfalls Instrumente.

Auch alles andere in Sofias Biografie hörte sich sehr gut an. Außerdem sind die Bergaer daheim ziemlich angebunden. Ihr frisch saniertes Haus soff im Elster-Hochwasser 2013 ab. Seitdem ist es wieder eine Baustelle. "Wenn wir schon nicht in die Welt fahren", begründet Maik, "dann holen wir uns einen Teil der Welt her".

Am 31. Januar stand er deshalb mit seinem Sohn Kimi auf dem Bahnsteig in Weimar. Als der Zug aus Frankfurt/Main eintraf, hielten sie ein Schild hoch, das die Worte "Bienvenida Sofia!" trug. Der Willkommensgruß kam an. "Es war so schön!", schwärmt Sofia, die in den ersten Tagen in Ostthüringen noch ein bisschen über ihre eigene Courage erschrocken war. "Was habe ich nur gemacht, bin ich verrückt!", sagte sie ein paar Mal zu sich selbst. Ganz allein, 10?000 Kilometer Luftlinie von zu Hause entfernt. Aber Heimweh? Nein, so etwas hatte sie kein einziges Mal. Sondern "von Anfang an ein sehr gutes Gefühl". Ein Wort sucht sie noch angestrengt, um den Auftakt perfekt zu beschreiben. Dann hat sie es: Aufgeregt sei sie gewesen. Ziemlich sogar, es war doch alles so neu.

Die Winterferien stellten sich als perfekter Zeitpunkt heraus. Man konnte sich entspannt kennenlernen, ohne gleich den Alltag meistern zu müssen. Neue Eindrücke gab es im Überfluss. Schnee zum Beispiel hatte Sofia noch nie gesehen. Also fuhr die Familie ein paar Tage mit ihr in die Alpen. Sofia absolvierte in Oberaudorf gleich einen Snowboard-Kurs. Weitere gemeinsame Touren führten für ein paar Tage an die Ostsee, ins Elbsandsteingebirge, nach Dresden und nach Berlin. Jetzt, in den letzten zwei Wochen, soll es auf jeden Fall noch in die Landeshauptstadt Erfurt und nach Weimar gehen.

Der normale Tagesrhythmus verlangte einiges Organisationstalent. Morgens, 6.15 Uhr, fuhr Sofia mit dem Zug nach Gera, wo sie die Musik-Spezialklasse 9m am Geraer Goethegymnasium Rutheneum besuchte. Nach Hause kam sie manchmal erst in den Abendstunden. 13.30 Uhr war zwar Unterrichtsschluss. "Aber dann fing es erst richtig an!", sagt Gastmutter Claudia noch immer beeindruckt. Montags Geigen-Stunde und Chor, dienstags Klavier und Gesang, mittwochs Gehörbildung, Musiktheorie und dann noch Schulorchester, donnerstags wieder Chor und Musikgeschichte. Bloß der Freitagnachmittag war nicht verplant. Klingt nach einer Menge Stress. Nicht aber für Sofia, sie war überglücklich. Auch, weil sie unter ihren Mitschülern einige Freunde fand. In den verbleibenden Tagen möchte sie deshalb am liebsten so viel wie möglich Zeit mit ihnen verbringen. "Ich mag Gera", sagt Sofia. "Ich finde, es ist eine schöne Stadt." Was nicht nur daran liegt, dass sie hier zwei Lieblingsplätze - den Hofwiesenpark und das Haus II der Schule - fand. Sondern in den Gera Arcaden auch eine schwedische Textilhandelskette, die kolumbianische Mädchen offenbar besonders mögen.

Am Freitag nun erhielt Sofia ihr erstes und vermutlich einziges Zeugnis mit einem Thüringer Wappen drauf. Die Noten - naja, sagt sie, die seien wohl nicht so toll. Geschichte sei in Deutschland schon ziemlich schwer. Wichtig war, die Versetzung ins nächste Schuljahr zu schaffen, sonst müsste sie zu Hause in Kolumbien noch einmal die gesamte 9. Klasse wiederholen. "Sofia hat alles gut gemeistert", kann Klassenlehrerin Heike Wallstabe Entwarnung geben. Vor allem Sprachen, Musik und Kunst - da sei sie besonders gut gewesen. Sie habe sich enorm eingebracht.

Die Ausgabe der "Giftzettel" glich einem kleinen Abschlussfest - mit Picknick, Musik und Sport am Beachvolleyballplatz im Hofwiesenpark. Die Stimmung war ausgelassen, aber auch ein bisschen nachdenklich. Sofias Mitschüler wissen, dass der Abschied naht. Sie schenkten ihrer Freundin aus Südamerika ein Fotobuch, das sie für immer an die Zeit in Ostthüringen erinnern wird.
Steffen Beikirch / 11.07.15 / OTZ
Bildunterschrift
Im Geraer Hofwiesenpark blättert Sofia Medina Castro in einem Fotobuch mit Bildern von gemeinsamen Erlebnissen, das ihr ihre deutschen Mitschüler geschenkt haben. Die junge Kolumbianerin war ein halbes Jahr am Geraer Goethegymnasium Rutheneum und lebte in einer Familie in Berga/Elster (Landkreis Greiz). Foto: Steffen Beikirch