Schüler am Goethe-Gymnasium Gera diskutieren über Satire: Ein schmaler Grat

Im Geraer Goethe-Gymnasium wurden die Geschehnisse um das Magazin Charlie Hebdo zum Gegenstand mehrerer Unterrichtsstunden. Im Sozialkundeunterricht einer 10. Klasse wurde dabei der Frage nachgegangen: Was darf Satire?


Gera. Die Köpfe rauchen am Dienstagnachmittag im Sozialkundeunterricht im Raum 311 des Goethe-Gymnasiums. Beispielsweise bei Tom Blankenbach. Der Zehntklässler kämpft sich durch einen Text, dessen Überschrift "Ich bin nicht Charlie!" lautet. Verfasser des Kommentars ist Michael Klonovsky vom Magazin Focus. Zahllose Passagen auf der Kopie sind mit blauem Textmarker hervorgehoben.

"Der ist ganz schön schwierig", sagt er mit angespannten Gesichtsausdruck. Er lehnt sich zurück. Er muss sich durch die wortgewaltige Materie kämpfen, da er später in der Stunde, in der eine Diskussionsrunde vorgesehen ist, eben jene Position der Autors einnehmen soll. Gar nicht so einfach. Doch das Thema der Unterrichtsstunde "Nach den Morden vonParis: Was darf Satire?" sei durchaus interessant, sagt der 15-Jährige.

Sein Klassenkamerad Philip Szelag, der zwei Bänke weiter hinten sitzt, sieht das genauso: "Das ist ein sehr interessantes und spannendes Thema, zumal Frankreich unser Nachbarland ist. Und wer weiß, vielleicht trifft es uns ja auch." Er habe sich auch jenseits der Schulbank mit dem Thema befasst, erklärt der Gymnasiast. Mit seiner Banknachbarin blättert er in der Verfassung. Das Gebiet, mit dem sie sich auseinandersetzen, ist die im Grundgesetz verankerte Meinungs- und Pressefreiheit. Dazu sollen sie in der "Talkshow" etwas sagen. Quasi die rechtliche Seite abdecken.

In der zweiten Reihe befassen sich indes Laetitia Kasper und Eileen Brühl mit dem Genre Satire. Auf einem Ausdruck blitzt das recht bekannte Porträt von Kurt Tucholsky (1890 bis 1935), dem berühmten deutschen Journalisten und eben Satiriker auf. Es würde gut passen, im Deutschunterricht hätten sie gerade die Gattung Satire gestreift, sagt Laetitia Kasper. Die beiden 16-Jährigen erarbeiten den Standpunkt von Journalisten des Deutschlandfunks und "Der Zeit".

Doch bevor der verbale Schlagabtausch im Raum 311 eröffnet wird, müssen sich die Schüler noch durch den ein oder anderen Text lesen. Guntram Wothly, seines Zeichens Sozialkunde- und Französisch-Lehrer am Goethe-Gymnasium/Rutheneum, läuft von Bank zu Bank, hilft seinen Schützlingen. "Ich versteh den Satz hier nicht", lautet eine Meldung aus der hintersten Reihe.

Er habe noch in der Nacht des 7. Januars angefangen, Artikel zu den Mordanschlägen in der Redaktion von Charlie Hebdo zu suchen, erinnert sich der 31-jährige Lehrer aus Jena. Habe das Potenzial für den Französisch- und auch den Sozialkundeunterricht sofort erkannt. "Im Kern geht es um das Thema Meinungsfreiheit. Der Ausdruck Je suis Charlie ist zu einem Symbol für diese geworden. Meinungsfreiheit ist ein Gegenstand des Sozialkundeunterrichts. Außerdem ist das Thema aktuell und kontrovers zugleich", erläutert Wothly, der mit seinen Schülern in den kommenden 45 Minuten der Frage nachgehen will, was denn Satire eigentlich alles darf. Bereits in der vorangegangenen Stunde hätten die Zehntklässler unterschiedliche Texte gelesen, die die Motive der Attentäter aufgriffen.

Darüber hinaus musste natürlich auch erst einmal geklärt werden, was denn Charlie Hebdo eigentlich für ein Magazin sei. Wothly räumt ein, dass er es bis dato nicht kannte. Fast allen seinen Schülern ging es genauso. Aber eben nur fast. Gwendolin Zschekel, die ganz hinten sitzt, kannte das Magazin bereits vor dem Attentat. "Da war doch schon einmal so etwas mit Karikaturen gewesen", sagt die 15-Jährige. Dem Lehrer, das betont er, ist es wichtig, dass sich die Schüler mit dem Thema kritisch auseinandersetzen. Gerade mit Blick auf das Genre Satire: "Es geht hier nicht darum, dass sie eine einheitliche Meinung übernehmen. Sie sollen aber erkennen, dass der Slogan Je suis Charlie für das Ideal der Meinungsfreiheit steht. Sie sollen jedoch auch dafür sensibilisiert werden, dass man sich mit so etwas wie den Mohammed-Karikaturen stets auf einen schmalen Grat begibt."

"Ich finde, dass das Magazin weiter bestehen soll, aber die einzelnen Religionsgruppen müssen nicht so verhöhnt werden. Man kann seine Kritik äußern, aber nicht um jeden Preis", so das Fazit von Eileen Brühl bezüglich Charlie Hebdo. "In dem Artikel, den wir behandelt haben, stand, dass Satire akzeptabel ist, so lange Karikaturen nicht nur plump verspottet werden, sondern auch etwas Substanz vorhanden ist", merkt Laetitia Kaspernach 45 Minuten kritisch an. Klingt fast so, als ob das Stundenziel von Gutram Wothly erreicht wurde.

Marcus Schulze / 29.01.15 / OTZ
Bildunterschrift
Was darf Satire? Das Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo in Paris als Thema des Sozialkundeunterrichts des Goethe-Gymnasiums in Gera. In Form einer Talkshow wurden Pro und Contra bezüglich der Mohammed-Karikaturen diskutiert. Lehrer Gutram Wothly (rechts) verfolgt die Debatte. Foto: Marcus Schulze