Über vergangene Zeiten schmunzeln

Festwochenende der Spezialklassen für Musik


Freitagnachmittag, normalerweise immer entspannte Ruhe im Schulhaus, keine Schüler mehr, der Hausmeister schaut nach dem Rechten, es wird gründlich sauber gemacht- heute ist alles anders.

In der Aula des Rutheneums Gera proben ca. 60 Schüler der Spezialklassen 11 bis 13 an ihrem anspruchsvollen Programm für das Festkonzert am Sonntag im Theater, zu Ehren des 25-jährigen Bestehens der Spezialeinrichtung in Gera, das nicht nur die in diesen Jahren gewachsene Leistungsfähigkeit, sondern auch die Vielfalt der Literatur zeigen soll.

Da ist zum einen das Dettinger Te Deum, komponiert von Georg Friedrich Händel (HWV 283) , ein geistliches Chorwerk , entstanden zur Feier des Sieges des österreichisch-britischen Militärs über die französischen Truppen in der Schlacht bei Dettingen am 27. Juni 1743 für zwei Chöre und großes Orchester. Zum anderen sollte der Bogen über Anton Bruckners Motette "Locus iste", die mit einem Umfang von nur 48 Takten in der Klarheit und im innigem Glaubensausdruck zu den Perlen im Schaffen des Komponisten zählt, bis hin zur Eigenkomposition des Chorleiters Christian K. Frank "Gnõthi seautón"("Erkenne dich selbst!") , entstanden 2010, gespannt werden. Dem ersten der beiden Teile ("Pánta chorei kaì oudèn ménei"- "Alles bewegt sich fort und nichts bleibt") liegen Thesen des griechischen Philosophen Heraklit zu Grunde - nicht nur ein philosophischer Text, sondern auch ein hochsensibles Chorwerk mit Orchester.

Seit Wochen proben die Schüler, wiederholen Passage um Passage. An diesem Tag kommt Verstärkung, der "Chor der Ehemaligen", Frauen und Männer, die mittlerweile voll im Berufs- und Familienleben stehen, zum Teil von weit entfernt anreisten, um zum Festkonzert nicht nur anwesend zu sein, sondern auch aktiv mitzuwirken. Die Aula ist brechend gefüllt, es singen etwa 100 Choristen, vom Alter nun zwischen 16 und 43 Jahren, bunt gemischt. Für die "Ehemaligen" ist die Literatur neu. Sie mussten sich zu Hause vorbereiten, viel Zeit blieb nicht. Eine Herausforderung für Chorleiter und Chor.

Währen der wenigen Pausen ergaben sich immer wieder interessante Gespräche zwischen den "alten Jahrgängen" und ihren ehemaligen Lehrern, aber auch untereinander. "Mir ist es, als ob ich erst gestern von dieser Schule gegangen wäre. Ich fühle mich sofort wieder heimisch und geborgen", so eine ehemalige Schülerin des ersten Abiturjahrgangs nach der Wende. In den beiden Ausstellungsräumen, in denen Musiklehrer die Geschichte der Spezialklassen mit Bilder, Texten, Zeitungsartikeln, Urkunden , Schülerarbeiten bis hin zu Videomaterialien in liebevoller und aufwändiger Feinarbeit erlebbar gemacht haben, tummeln sich Lehrer und Schüler, schmunzeln über das eine oder andere Bild von damals oder die eine oder andere lustige Episode aus dem vergangenen Schulalltag. Der nächste Morgen bringt wieder Proben, nachmittags aber ein "kleines Jubiläumskonzert" mit der offiziellen Begrüßung. Der Abend wird zur großen Jubiläumsparty an der Schule und im Schulhof, mit Jazz- und Livemusik und Zeit zum Smalltalk oder tiefer gehenden Gesprächen. Sonntag- wieder Proben und nachmittags im Konzertsaal der Höhepunkt. Der Chor erstrahlte als homogener Klangkörper mit Präzision und jugendlicher Ausstrahlung, und Händels "Te Deum" als Sieg über alle Strapazen und Anstrengungen der letzten Tage und Wochen.

Wenn dann Franks Komposition sowohl textlich als auch musikalisch eine ganz andere Klangfarbe aufweist, begeisterte diese Interpretation das Publikum ebenso. Sie zeigt nicht nur eine andere Tonsprache, sondern den feinfühligen Umgang mit philosophischen Texten und deren adäquate musikalische Umsetzung, damit folglich, dass neue, ungewohnte Kompositionen bei intensiver Beschäftigung durchaus vertraut wirken können - auch auf junge Menschen.

In fünf Jahren, zum 30-jährigen Jubiläum, werden wohl die derzeigen Schüler, die am nächsten Tag wieder in den Bänken sitzen, um sich auf ihr Abitur vorzubereiten, als "Ehemalige" mitsingen und über längst vergangenen Zeiten schmunzeln.

Text und Foto: Ralf Runge
Bildunterschrift
Die Schüler der Spezialklassen 11-13 des Rutheneums bei den Proben am Fraitagnachmittag.