Musikspezialklassen am Geraer Goethegymnasium werden 25 Jahre

Rund 500 Schüler wurden seither ausgebildet. Die Mehrheit strebt eine musikalische Karriere an.


Gera. Noch in den letzten Monaten der alten Zeit machte sich der Staat auf für eine Neuerung im Bezirk Gera. Eine Schule mit einem musikalischen Profil, als Kaderschmiede künftiger Musiklehrer sollte in der Bezirksstadt entstehen. "So eine Einrichtung gab es bis dato nicht im Bezirk", blickt Rainer Müller zurück. Er war es, der 1988 durch das Land reiste und ähnliche Schulen besuchte. Aus dem Gesehenen und eigenen Ideen entwickelte der Lehrer eine Schulkonzeption - die kaum ein Jahr später ins Wanken geriet. Zum 1. August 1989 starteten die Musikspezialklassen mit 24 Schülern, darunter drei Jungen. Die Schüler suchte die Volksbildung aus. "Und zwei Monate später war quasi schon alles überholt", sagt Rainer Müller. Er ist bis heute der Leiter der Musikspezialklassen am Goethegymnasium/Rutheneum seit 1608.

Immerhin, die Idee einer musikalischen Spezialausrichtung an einem Gymnasium wurde nicht in Frage gestellt. Und die Schulverwaltung ließ bei der Neuausrichtung Freiheiten: So öffnen sich die Musikspezialklassen für alle Musikformen und suchen sich fortan ihre Schüler selbst aus.

In diesem Herbst feiern die Musikspezialklassen ihr 25-jähriges Bestehen. Geschätzte 500 Schüler haben die Ausbildung in dieser Zeit durchlaufen. Jährlich fangen durchschnittlich 30 junge Talente an. Sie stellen sich damit auch auf ein großes Lernpensum ein. Neben dem normalen Unterricht kommen bis zu acht zusätzliche Stunden hinzu: Musikgeschichte und Musiktheorie, Gesang- und Instrumentalunterricht, plus Proben- und Übungszeit.

"Viele haben kein Verständnis dafür, wie wir das durchziehen können", sagt Tobias Hohberg, der nächstes Frühjahr sein Abitur ablegen wird. Doch der Musikunterricht sei für ihn keine Schule im eigentlichen Sinne, sondern habe mit persönlicher Bildung zu tun - und mit Liebe zur Musik. So könne das Üben und Proben, der tägliche Umgang mit den Noten sogar zur Entspannung beitragen, meint Tenorsänger Toni Sehler. "Und wir haben überhaupt nicht das Gefühl, etwas zu verpassen", wirft Zwölftklässlerin Emmelie Haase ein. "Im Gegenteil. Wir gewinnen ganz viel". Selbstbewusstsein, Selbstverantwortlichkeit, Erfolge und auch das Aufgehobensein in einem starken Klassenverband. Aber natürlich, man muss Prioritäten setzen, fügt Emmelie hinzu.

"Wir staunen manchmal selbst, wie die Schüler das schaffen", sagt Spezialklassenleiter Müller und spricht dann zum einen von den 13 Schuljahren, in denen die Musikschüler das Abitur erreichen und zum anderen von ihrem Willen, ihrer Liebe zur Musik und den Erfolgen, die sie damit erringen. Im kommenden Jahr zum Beispiel steht die dritte USA-Reise des Konzertchors an: Junge Geraer treten in der New Yorker Carnegie Hall auf. Auch Erfolge wie beim internationalen Chorwettbewerb im italienischen Riva del Garda beflügeln. Rainer Müller bekommt noch immer eine Gänsehaut, denkt er an die erste Teilnahme auf internationalem Parkett. Da bestand der Konzertchor unter Leitung des jungen Dirigenten Christian Frank kaum ein Jahr. Blauäugig seien die Geraer 1995 nach Budapest gefahren. "Und wir kehrten mit einem Sieg zurück", strahlt Rainer Müller. Er weiß, dass er die Erfolge auch dem Dirigenten Frank verdankt, der mit seiner erfrischenden Art bis heute einen guten Draht zu den jungen Musikern hat.

Dies ist seit 25 Jahren unverändert. Was sich jedoch geändert hat, sind die Anforderungen. Der Unterricht sei wesentlich intensiver geworden, neue Fächer wie Chorleitung kamen hinzu. An Bedeutung wird in Zukunft wohl die Ausbildungsrichtung Pop und Jazz gewinnen, glaubt Rainer Müller. Einem Trend, den man noch nicht nachgehen könne. "Dazu fehlt die Ausstattung. Ändern würde sich das erst mit dem Campus", sagt der Lehrer. Der Hauptschwerpunkt soll aber der klassische Bereich bleiben.

Inzwischen schlagen fast zwei Drittel der Musikschüler eine musikalische Laufbahn ein, nachdem sie am Rutheneum das Abitur gemacht haben. So kündigt es sich auch bei Emmelie, Tobias und Toni an. Während Toni noch darüber nachdenkt, würden Emmelie und Tobias gern in diese Richtung gehen. "Schulmusik in Weimar, das ist das Hauptziel", sagt Tobias.

Katja Schmidtke / 23.09.14 / OTZ
Bildunterschrift
25 Jahre Musikspezialklassen: Die Schüler Tobias Hohberg, Emmelie Haase und Toni Sehler (von links) nehmen Schulgründer Heinrich (II.) Posthumus Reuß in die Mitte. Foto: Katja Schmidtke