Wählen macht den Unterschied

Bundestagskandidaten stellen sich den Erstwählern

Gera. So niedrig war sie noch nie: Zur Bundestagswahl 2009 lag die Wahlbeteiligung bei knapp 70 Prozent. Ist die Jugend politikverdrossen? Erreichen Politiker die jungen Leute nicht, haben keine Lösungen für deren Probleme? Diesen Fragen sind gestern die Schüler des Goethe-Gymnasiums nachgegangen.
Zu einer Podiumsdiskussion hatten sie die hiesigen Bundestagskandidaten der fünf großen Parteien eingeladen: Albert Weiler (CDU), Volker Blumentritt (SPD), Thomas Nitzsche (FDP), Olaf Müller (Grüne) und Ralph Lenkert (Linke). Zumindest in der eigenen Schule scheint die Politikverdrossenheit nicht groß. In der Aula am Johannisplatz blieben wenige Stühle leer. Doch von den Stühlen gefegt haben die Politiker die Schüler mit ihren Antworten nicht: Höflichen, teilweise auch energischen Applaus und Gelächter, als sich ein Gekabbel zwischen Ralph Lenkert und Albert Weiler entspannt.
Einig waren sich die fünf Männer, dass Wählen den Unterschied macht. "Nicht zu wählen, stärkt in der Regel die Falschen", meint FDP-Mann Thomas Nitzsche . CDU-Vertreter Albert Weiler hatte mit Konrad Adenauers Kanzlerwahl und einer Bürgermeisterwahl im Saale-Holzland gleich zwei Beispiele zur Hand, dass selbst eine Stimme den Unterschied machen kann. Volker Blumentritt von der SPD erkennt in Deutschland keine Politikverdrossenheit, aber eine Verdrossenheit "wegen Entscheidungen und Personen". Zum Einwurf der Moderatorinnen, viele gingen nicht nur Wahl, weil sich danach nichts ändere, sagte der Grüne Olaf Müller: "Man geht mit einer Maximalposition in den Wahlkampf und verlässt Koalitionsverhandlungen mit Kompromissen".

Wer bezahlt die Wahlversprechen?
Auf Wahlprogramme lenkte Moderatorin Victoria Poetzschner den Fokus: "Mindestlohn und mehr Kindergeld. Wie soll das finanziert werden?" fragte sie Ralph Lenkert . Ganze 170 Milliarden Euro würden die Wahlgeschenke der Linken kosten. "Wir haben eine Gegen­finanzierung", sprach Lenkert von Millionärssteuer, Körperschaftssteuer, Finanztransaktionssteuer und der Bekämpfung der Steuerhinterziehung. Für den Mindestlohn streitet auch Volker Blumentritt . Wenn die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinandergehe, könne dies tatsächlich zu Politikverdrossenheit führen. Applaus gibt es für beide, doch die Schüler bleiben skeptisch. Ein junger Mann will von Ralph Lenkert wissen, ob man das Rentenalter tatsächlich wieder auf 65 senken kann. Ja, meint der. Alles eine Frage der Verteilung. Thomas Nitzsche und Albert Weiler legen die Stirn in Falten. "Man muss die Wirtschaft ihr Ding machen lassen, dann fließen die Steuer", so die FDP.

Was tun die Parteien für Jugendliche?
Was wollen die Grünen für die Bildung tun, fragte eine Schülerin. Es müsse mehr Geld für Erzieher, Hortner und Lehrer ausgegeben werden, so Olaf Müller. Wie kann man Schüler und Studenten besser fördern, will ein anderer von Ralph Lenkert wissen. Mehr Geld für Schulsanierung und tatsächliche Lernmittelfreiheit, so die Antwort. Was es konkret heißt, wenn die CDU auf ihren Wahlplakaten schreibt, mehr für Familien tun zu wollen, fragt eine Schülerin. Albert Weiler spricht davon, die Bildung zu stärken, Kita-Plätze zur Verfügung zu stellen und das Ehegatten-Splitting beizubehalten.

Und, welcher Kandidat hat am besten abgeschnitten? Festlegen wollen sich die Schüler nicht. Manche fühlen sich in ihrer Wahl für die Wahl bestätigt. Andere meinen, es trage ohnehin nur jeder Bewerber jene Informationen vor, die die eigene Argumentation stützen. Die Wahl haben die jungen Leute am 22. September - und wer noch nicht 18 Jahre alt ist, kann sich bereits am Freitag an der U18-Wahl beteiligen.

Katja Schmidtke / 11.09.13 / OTZ
Bildunterschrift
Zum Thema Politikverdrossenheit diskutieren am Dienstagnachmittag Schüler des Geraer Goethegymnasiums mit den Bundestagskandidaten der fünf großen Parteien. Foto: Katja Schmidtke