Die Schatten sind noch da: Lesung in Gera zu Bücherverbrennung

Die Klasse 11/1 des Goethegymnasiums/Rutheneum lädt zum 80. Jahrestag der Bücherverbrennung die Geraer Autorin Annerose Kirchner ein. Sie stellte den jüdischen Schriftsteller Henry William Katz vor und las aus ihrem Briefwechsel.

Gera. "Die Schatten sind immer noch da. Es ist nicht vergangen, was damals war", mit diesen Worten beschloss die Geraer Autorin Annerose Kirchner ihre Lesung im Goethegymnasium/Rutheneum seit 1608. Vor der Klasse 11/1 hatte sie anlässlich des 80. Jahrestages der "Bücherverbrennung" den jüdischen Schriftsteller Henry William Katz vorgestellt und auf eine rege Diskussion gehofft. Die blieb jedoch aus. Einzig Martin Wagner hielt mit seiner Meinung nicht hinterm Berg. Auf die Frage, wie er selbst sich in der Zeit der Bücherverbrennung verhalten hätten, antwortete er: "Ich habe meine Zweifel, ob man wirklich den Mut gehabt hätte, sich gegen diese Nazi-Methoden zu stellen. Schließlich war man dadurch in Gefahr, sein Leben aufs Spiel zu setzen." Alle anderen Schüler trauten sich nicht, sich zu den Textpassagen und den Erinnerungen des Autors zu äußern. Dabei freute sich auch Lehrerin Uta Horn auf die "Unterrichtsstunde der etwas anderen Art." Annerose Kirchner, die Katz noch persönlich kennenlernen konnte, näherte sich dem schwierigen Thema über Textauszüge und einen Abriss der Autorenbiografie. Katz, der 1906 in Galizien geboren wurde und frühzeitig Antisemitismus erleben musste, war bereits 1912 mit seiner Familie nach Gera geflüchtet. "Der Verlust von Heimat bestimmt in hohem Maße seine autobiografisch gefärbte Literatur", sagte Kirchner. Sie forderte die Zuhörer auf, sich einmal darüber Gedanken zu machen, wie wohl das eigene Leben verlaufen wäre, wenn sie an einem anderen Ort geboren worden wären. Sie zeigte sich überzeugt, dass junge Menschen am leichtesten einen Zugang zu geschichtlichen Ereignissen finden könnten, indem sie Texte von Zeitzeugen lesen würden. So könnten sie auch die Beweggründe von Katz besser verstehen, der sich nach dem schwerwiegenden Erlebnis der Bücherverbrennung in Berlin am 10. Mai 1933 entschloss, Deutschland den Rücken zu kehren und in den USA Exil zu suchen. Erst nach der politischen Wende 1991 habe es der jüdische Autor gewagt, den Osten Deutschlands und Gera erneut zu besuchen. "Damals habe ich ihn kennengelernt und war von seiner Aura begeistert", berichtete Kirchner, die anschließend einen Briefwechsel mit dem Literaten einging. Eine ihrer Fragen an sich selbst sei immer folgende gewesen: Wie leicht oder schwer würde es einem fallen, die Heimat auf immer zu verlassen? Trotz fehlender Beteiligung der jungen Leute an der Diskussion appellierte sie an die Schüler, sich mit diesem Kapitel deutscher Geschichte zu beschäftigen.
Christine Schimmel (OTZ)
Bildunterschrift
Die Geraer Autorin Annerose Kirchner list im Goethegymnasium/Rutheneum seit 1608 in der Klasse 11/1 im Deutschkurs zum Thema 80 Jahre Bücherverbrennung (Bild: OTZ.de)