Mut zum Ausstieg bewiesen

Ex-Neonazi berichtet von seinen Erfahrungen in der rechten Szene

Von Christine Schimmel Gera. Das Rechtsrock-Konzert, das am 7. Juli zum zehnten Mal in Gera stattfinden soll, ist nicht mehr weit. Die Gefahr für Jugendliche, mit der rechten Gesinnung in Kontakt zu kommen, aber unabhängig davon zu jeder Zeit gegeben. Aus diesem Grund organisierte Heike Wallstabe, Lehrerin am Goethegymnasium/Rutheneum, mit Unterstützung des Aktionsbündnisses "Gera gegen Rechts" eine Veranstaltung, in der ein Aussteiger aus der rechten Szene seinen autobiografischen Vortrag zur Diskussion stellte. Mit finanzieller Förderung des Landes Thüringen war es gelungen, den Ex-Neonazi für das Referat zu gewinnen. Er ist seit drei Jahren für ExitDeutschland unterwegs, um Menschen beim Ausstieg aus dem Rechtsextremismus zu helfen. Er selbst hatte sich Ende 2005 an die Initiative gewandt, weil er während seiner aktiven Arbeit in der organisierten rechten Szene auf immer mehr Widersprüche gestoßen war. Immer häufiger habe er sich gefragt, wo bei aller Aufopferung für die nationalsozialistische Idee seine eigene Freiheit geblieben war. Schon in seiner Kindheit verortete er den Beginn seiner unrühmlichen Entwicklung. Der Großvater erzählte oft Geschichten aus der Hitlerjugend und sang Kriegs- und Heldenlieder, die heute verboten sind. Mit 13 Jahren habe dann Fußball eine große Rolle gespielt und im Stadion sei er in Kontakt mit der rechter Szene gekommen. "Meine Mutter dachte, das ist nur eine pubertäre Phase, die vorbei geht", sagte er. Doch im Gegenteil, in den nächsten Jahren arbeitete er sich in der Gruppe hoch und übernahm immer mehr organisatorische Aufgaben. Dabei sei es erklärtes Ziel gewesen, sich in der Mitte der Gesellschaft zu etablieren und über Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Engagement für das Wohnumfeld Sympathien zu gewinnen. "Wir haben die Nische fehlender Sozialarbeit besetzt und jungen Leuten eine Gemeinschaft gegeben", reflektiert er heute das System der Rechten. Das im Gegenzug eingeforderte politische Engagement und die Bereitschaft, sich auch an Gewaltverbrechen zu beteiligen, hätten ihn nach und nach zum Nachdenken gezwungen. Doch der Ausstieg habe sich als extrem schwer erwiesen. "Ich hatte großen Redebedarf. Aber mein gesamter Freundeskreis bestand aus Neonazis, denen gegenüber ich meine Zweifel nicht hätte äußern können", sagte er. So sei es das Schwerste gewesen, einen neuen Freundeskreis zu finden. Auch heute noch muss er vorsichtig mit seinem neuen Leben umgehen, da die rechte Szene nicht gerade zimperlich mit Aussteigern umgehe. Mit dem Wissen um deren Kontaktpersonen in allen gesellschaftlichen Schichten und Berufsständen, geht er sensibel mit seiner Identität um. Um ihn nicht zusätzlich Drohungen und Gewalttaten aus der rechten Szene auszusetzen, haben wir hier auf Fotos seiner Person und die Darstellung allzu biografischer Details verzichtet. Schüler und Lehrer zeigten sich beeindruckt vom Mut, mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen.
Bildunterschrift
Schüler und Lehrer verfolgen die Berichte des ExNeonazis. (Foto: Christine Schimmel)