Das süße Gefühl lebendig zu sein

Liedermacher und Schriftsteller Stephan Krawczyk zu Gast im Goethegymnasium/Rutheneum

Von Reinhard Schulze
So etwas kommt bei Schülern an, gerade heraus, unterhaltsam, spritzig, ein wenig provokant, nicht immer dem Zeitgeist folgend und zum Nachdenken anregend. Genau so stellt man ihn sich vor, den Liedermacher und Schriftsteller Stephan Krawczyk. Ohne großen technischen Schnickschnack sitzt er auf seinem Stuhl, greift abwechselnd nach Gitarre und Bandoneon, erzählt Geschichten aus seinem Leben, singt Lieder und macht dabei das, was sich nicht "relaunchen" lässt: Er kritisiert tiefgründig, aber auch humorvoll die Gesellschaft. Gekonnt nutzt er seine stimmlichen Fähigkeiten, um neben ernsten und nachdenklichen Themen auch der Lebensfreude und der Lebenslust Ausdruck zu verleihen. In einer medial allmächtig erscheinend geprägten Welt gelingt es ihm, die gut 150 Schülerinnen und Schüler des Goethegymnasiums zu faszinieren, sie in seinen Bann zu ziehen, während er berichtet, aus einer Welt, die die Zuhörer nur noch vom Hörensagen her kennen. Seine Botschaft dabei: sich der Vergangenheit zu erinnern, der älteren Generation Fragen zu stellen, aktuell politische Entscheidungen kritisch zu hinterfragen und "seine Sinne rein zu halten". Er sprach von "Geschichtsaufarbeitung", für ihn ein eher "untreffendes Wort". Geschichte aufarbeiten? Wie und wo? - vielleicht aber besser als das in der DDR gebräuchliche Wort: "unbewältigte Vergangenheit". "Die Tiefe, die Gegenwart eines Menschen, ist durch nichts zu ersetzen", sagt Stephan Krawczyk. So kann man keinen Menschen und keine Lebensgeschichte in Schablonen fassen. Mit seiner Gruppe "Liedehrlich" - die im Januar 1978 in Gera von den Musikern Stephan Krawczyk, Jürgen Quarg und Kay Frotscher gegründet wurde - trat er erfolgreich in der DDR auf. 1981 erhielt der in Weida geborene Stephan Krawczyk den Hauptpreis beim DDR-Chansonwettbewerb. Amiga veröffentlichte sogar eine Schallplatte. Damit schien der Weg für den Liedermacher zum "Staatskünstler" frei zu sein, doch er entschied sich für einen anderen Weg. 1985 trat er aus der SED aus, erhielt wegen seiner kritischen Texte Berufsverbot, wurde im Januar 1988 verhaftet und in die BRD ausgebürgert, in der Hand eine Plastiktüte, eine Schachtel Zigaretten und mit dem schmerzlichen Gefühl: "Die wollen mich nicht mehr". Geprägt von den Lebenserfahrungen künden seine Lieder und Texte vom Kampf gegen den Machtmissbrauch in der DDR, gegen Pressezensur und eingeschränkte Reisefreiheit. Im Mittelpunkt der etwas anderen Geschichtsstunde stand die Erzählung "Mein Freund wohnt auf der anderen Seite". Sichtlich bewegt verfolgten die Zuhörer die Lesung. Anders wie nach seinen Liedern, gab es keinen Beifall, dafür herrschte Stille und am Ende gab es von den Schülern viele Fragen an den heute 56-Jährigen. Die Idee, Stephan Krawczyk einzuladen geht auf Schulleiter Dr. Joachim Hensel zurück. Beide begegneten sich während eines Auftritts im "Bürgerhaus" Weida. Der weitere Kontakt lief über die KonradAdenauer-Stiftung. "Eine wirklich gelungene Sache", meint Lukas Granse. "Angesprochen war wohl mehr der Leistungskurs Deutsch. Für mich war es so mehr die Neugier, denn eine richtige Vorstellung von dem, was mich erwarten würde, hatte ich nicht. Ich bin beeindruckt, auch von der Art und Weise des Zusammenspiels des Musikalischen und Literarischen." Die Gelegenheit sich zu erinnern und Position zu beziehen, nutzte Dr. Joachim Hensel, als er sich bei dem Gast bedankte. Dabei erinnerte er an eine Resolution, in der sich die Unterzeichner von Stephan Krawczyk distanzierten. "In mir hat es gebrodelt und ich habe dennoch unterzeichnet", so das öffentliche Bekenntnis des Schulleiters, welches bei den Zuhörern Zustimmung findet. "So ehrlich ist er nun einmal, unser Schulleiter", meint Lukas Granse. Vielleicht hat Stephan Krawczyk mit seiner Art der "Geschichtsaufarbeitung" zu diesem Eindruck mit beigetragen.
Bildunterschrift
Schülerinnen im Gespräch mit dem Liedermacher, Schriftsteller und DDR-Bürgerrechtler Stephan Krawczyk. Foto: Schulze