Geschichtsaufarbeitung mit Stefan Krawczyk

Der gebürtige Weidaer hat im Goethegymnasium eine Geschichtsstunde der besonderen Art gestaltet.

Von Katrin Wiesner
Gera. Lieder, die von Liebe und Leidenschaft, von Macht und Verrat, von Spitzelei und Ohnmacht erzählen oder einfach nur kindlich reimen, dazu eine Stimme, die mal rau, mal lieblich klingt so hört es sich an, wenn sich Liedermacher und Schriftsteller Stephan Krawczyk an die "Geschichtsaufarbeitung" macht. Das Wort hasst er natürlich. Denn wie soll das gehen, Geschichte aufzuarbeiten? An der Werkbank? Am besten ist, man hört zu, wenn einer erzählt. Denn dann merkt man, dass kein Mensch und keine Lebensgeschichte in Schablonen passt. "Die Tiefe, die Gegenwart eines Menschen ist durch nichts zu ersetzen", sagt Krawczyk. Und es klingt, als sorge er sich um die Generation Facebook, die Freunde zuhauf, aber nicht um die Ecke hat; die Generation, die sich aus amerikanischen Fernsehserien ein Bild von der Liebe basteln könnte. Und das meint der 56-Jährige so ehrlich, dass sich keiner der Goetheschüler, die das Programm der Konrad-Adenauer-Stiftung am Freitagmittag in der Schulaula verfolgen, gegängelt fühlen würde. Es herrscht gespannte Stille, es gibt spontanen Applaus. Der gebürtige Weidaer, der in Gera das heutige Zabelgymnasium besuchte, die Gruppe "Liedehrlich" gründete, 1981 den Hauptpreis beim DDR-Chansonwettbewerb erhielt, 1988 verhaftet und aus der DDR ausgewiesen wurde, beherrscht die Kunst, Großes ohne Pathos zu schildern. Und so steht er eben plötzlich im Westen "mit einer Plastetüte und einer Schachtel Zigaretten" und dem schmerzlichen Gefühl, "die wollen mich nicht mehr". Und er singt dazu die Lieder, die damals entstanden. Natürlich interessiere die Jungen die Vergangenheit wenig, aber sie erkläre doch viel. Und wer etwas weiß vom anderen, könne sich auch in ihn hineinversetzen. "Eine Tugend, die wir uns nicht abgewöhnen dürfen." Am Ende sagt Krawczyk, sei seine Mission erfüllt, "wenn Ihr kritisch nachfragt, wenn man von früher erzählt und immer schöner wird, was zurück liegt". Nichts beschönigt Schulleiter Dr. Joachim Hensel. Er hat eine Resolution nicht vergessen, die die Verhaftung von Krawczyk begrüßte und am Gymnasium von Lehrern und Schülern unterschrieben werden sollte. Alle haben es getan, viele wie er wider besseren Wissens, weil der Mut, Nein zu sagen, noch fehlte. Besser kann man Geschichte nicht erzählen.
Bildunterschrift
Sie wollten auch nach dem Konzert noch mehr wissen: Schülerinnen im Gespräch mit Stephan Krawczyk. (Foto: Katrin Wiesner)