Im Banne der Penne

Bundesverdienstkreuz für Dr. Joachim Hensel, Schulleiter des Goethegymnasiums

Von Elke Lier Gera. "Im Banne der Penne" heißt das Buch zum 400. Jubiläum des Gymnasiums Rutheneum 2008, das neben der Handschrift anderer Autoren vor allem die von Dr. Joachim Hensel trägt. Der 54-jährige Schulleiter steht seit 28 Jahren im Banne seiner Penne, in schlechten wie in guten Zeiten. Gestern erhielt er in der Erfurter Staatskanzlei von Kultusminister Christoph Matschie (SPD) das Bundesverdienstkreuz am Bande. "Ein standhafter Lehrer", so Matschie. Vorgeschlagen wurde Hensel vom Schulförderverein des Gymnasiums. Er hat ihn 1991 mitbegründet und durch seine bundesweite, internationale detektivische Suche nach ehemaligen Ruthenen auf über 300 Mitglieder gebracht. Weltweit hat er sie aufgespürt: "In den USA, Australien, Ägypten. Es gelang, sie in die Schule zurückzuführen, die 1947 aufgelöst wurde. Es gab Umarmungen, Tränen der Wiedersehensfreude, Szenen, die man sich nicht vorstellen kann." Hensel, von dem zurückhaltende Ruhe ausgeht, ist viele Jahre nach dem ersten Zusammentreffen Anfang der 90er Jahre noch immer ergriffen. Der Verein pflegt nicht nur die eigenen Traditionen, er ist zu einer sozialen Institution geworden. "Als einer der leistungsstärksten Schulfördervereine Thüringens ermöglichen wir es jedem unserer 530 Schüler unabhängig von den finanziellen Möglichkeiten der Eltern, an Schüleraustauschen, Klassenfahrten oder internationalen Konzertauftritten teilzunehmen", sagt er. Dr. Harald Frank, Schatzmeister des Vereins, der seinen Vereinsvize Hensel aus der Leipziger Studentenzeit kennt, nennt ihn einen "Schulorganisator mit ganzem Herzen. Die Schule ist seine Schule." Dabei erlebte Joachim Hensel im September 1989 hier die bittersten Tage seines Lebens. 1956 in Wehr in der Schweiz geboren, in Gera von den Großeltern christlich erzogen, lehnte er es im Spätsommer 1989 konsequent ab, Mitglied der SED zu werden. "Das war mit meinem christlichen Glauben unvereinbar. Mit dieser Auslegung von Freiheit war ich nicht einverstanden und sprach mich offen gegen die Ideologisierung von Schule aus." Hensel, der ein Jahr zuvor als Chemiker und Biologe in Leipzig erfolgreich zum Thema Großstadtökologie promoviert hatte, wurde am 17. September 1989 mit Verbot belegt. "Innerhalb von 15 Minuten musste ich meinen Platz räumen und fand mich in einer Lusaner Grundschule wieder, wo ich den Kindern von Schneeweißchen und Rosenrot erzählte." Seine damals noch kleine Tochter erinnert sich mit ihm manchmal daran, wie sie ihn damals erlebte: "Du saßt vor deinem Schrank mit den Lehrbüchern und Unterrichtsvorbereitungen auf dem Fußboden und hast geweint." Am 17. November 1989 wird er rehabilitiert und von seinen Lehrerkollegen zum Schulleiter gewählt. Im Jahr 2010 ist er der dienstälteste gymnasiale Schulleiter Thüringens. Für ihn sei es deshalb eine ganz besondere Freude, im 20. Jahr der deutschen Einheit diese hohe Auszeichnung zu erhalten. Einige seiner Schüler riskierten damals die Relegation, als sie sich hinter ihn stellten. Und auch heute ist er als geduldiger Bio-Lehrer beliebt. Sabrina Reich (17) findet es gut, "dass er stets fragt, ob wir auch mitkommen im Unterricht." Damaris Kircheis (17) empfindet "Bio bei ihm praxisnah, man lernt was fürs Leben." Seine Fürsorglichkeit beeindruckt seine Sekretärin Petra Stang, die seit über 17 Jahren mit ihm zusammenarbeitet. Lehrerkollege Rainer Müller, Leiter der Spezialklassen Musik mit 100 Schülern und 19 Musiklehrern, rechnet ihm hoch an "dass er sich für unseren Bereich, der 1993 auf der Kippe stand, so vehement einsetzte. Seine Willensstärke ist beispielhaft." Die braucht Hensel auch privat: Seit 23 Jahren leidet er an multipler Sklerose. Trotzdem ist er dankbar für sein Leben, das er bei Konzerten, Büchern, Reisen genießt. "Für mich ist er der wunderbarste Mensch", dankt ihm nach 28 Ehejahren Ehefrau Kerstin. Was ihn in seiner Amtszeit am meisten berührte, war eine Bitte am Rande: "Eine mir unbekannte Abiturientin bat mich, die Schüler bei der Abiturrede mit du anzureden, das würde zu mir als guter Freund der Schüler besser passen." Dass der Campus Rutheneum spätestens 2014 als zeitgemäßer Lern- und Lehrort für seine Schüler und Lehrer da ist, dafür kämpft er weiter.
Bildunterschrift:
Dr. Joachim Hensel vorm Goethegymnasium/Rutheneum seit 1608 in Gera. Gestern erhielt der Schulleiter in der Erfurter Staatskanzlei das Bundesverdienstkreuz am Bande. (Foto: OTZ/Elke Lier)