Textwelten zu Handzeichnungen

Goethegymnasiasten im Zwiegespräch mit Originalen in der Geraer Bank

Von Sylvia Eigenrauch Gera. Betrachterarbeit, in deren Ergebnis eine poetische Parallelwelt entsteht, leisteten gestern Schüler des Deutsch-Leistungskurses Klasse 13 am Geraer Goethegymnasium. Ehe am 27. Januar die Ausstellung "Handzeichnungen - Ausdruck künstlerischer Meisterschaft" in der Hauptstelle der Geraer Bank endet, suchten sie sich ein zeichnerisches Einzelwerk der insgesamt zwölf Ostthüringer Aussteller als Anfangspunkt für eigene Gedanken. "Vor dem Original kann man auf jeden Fall Betrachten lernen. Es öffnet sehr viel mehr Wege zur Kunst als ein geschobenes Dia", sagt Lehrer Frank Lohse, der selbst auch zu den Ausstellern gehört. Die Wirkung des Originals vertiefe sich bei Handzeichnungen, weil die Handschrift ganz direkt und unmittelbar nachvollziehbar sei, meint er. Was machen die Hände mit der Flasche? Nach treffenden Worten suchen Laura Butters und Ruth Haase. Ergriffen, festhalten, begreifen, erdrücken.. . "Logischerweise bin ich als Betrachter die Hand", sagt Ruth. "Was aber, wenn du die Flasche bist?", fragt Laura. "Dann wäre ich ja leer", entgegnet Ruth und entwickelt die Idee, dass die von Kurt Pesl gezeichnete Hand das zerbrechliche Wesen in seine Umwelt bettet - oder es darin umklammert hält? Noch zweifeln sie an ihrer entstehenden poetischen Parallelwelt. Der Gedanke der Leere widerstrebt ihnen. In "Die Hölle" aus Bleistiftstrichen von Alexandra Müller-Jontschewa vertieft Louisa Gaudes ihren Blick. "Es ist schwierig, einen Einstieg zu finden", stellt sie für sich fest. Begeistert schaut Paul Eikemeier in die Augen des Schreienden von Horst Sakulowskis Figur Nr. 16. "Ich habe viel von ihm gehört und Plakate in der Schule gesehen. Heute stehe ich das erste Mal einem Original gegenüber". Das sei so prägnant und einprägend klar, dass dem Gitarrist ein vor langem selbst geschriebener Songtext einfällt. Jener liefert Paul seine Grundidee: Schreien reicht nicht aus! Doch es sind nicht nur die lauten Botschaften, auch die leisen kommen bei den Schülern an, die wohl durch ihre musische Grundbildung in den Musikspezialklassen Zugang zur Kunst finden. "Mir gefallen traurige Bilder. Sie zeigen die Innerlichkeit des Künstlers", ist Doris Uslow überzeugt. Das Porträt des Weidaers Kurt Pesl fällt ihr in der Ausstellung in die Augen. Es zeigt seinen Freund Horst Sakulowski. 1981 entstand diese Arbeit. Traurigkeit und Sehnsucht liest Doris aus ihr und schläft die Brücke zur Musik von Chopin. "Es wird eine sehr traurige Kurzgeschichte", stellt sie in Aussicht. "Des Kaisers neue Kleider" von Alexandra Müller-Jontschewa haben Denise Gaipel in den Bann gezogen. Von äußerer und innerer Schönheit wird sie in einem Gedicht erzählen, während Anna Pauels schon gestern die These wagte: "Manchmal ist es so, dass die Geschichte anfängt, uns zu lesen". Angetan hat es ihr das Porträt Jochen S. in Blei und Acryl von Lutz R. Ketscher. Der langhaarige Mann, für sie überraschend in Schwarz-Weiß dargestellt, schaut in ein Buch. Dessen Farbigkeit fesselt. Den darin Lesenden und den Betrachter. Gedanken nehmen ihren Lauf. www.geraerbank.de
Bildunterschrift:
Laura Butters (l.) und Ruth Haase entwerfen Textbausteine zu dieser Studie von Kurt Pesl. (Foto: OTZ/Eigenrauch)